AMYGA: Konzertbericht And One „Live & Relaxed 2017“

Die Welt steht Kopf, der Ton wird rauher sowohl real gefühlt als auch im alternativ-faktisch verseuchten virtuellen Raum.

Steve & Co. sind natürlich wie wir alle mitten drin im Orientierungs-Chaos dieses Zeitalters. Wir haben doch alle irgendwie die Schnauze voll von (wie es mal hieß) POWER CORRUPTION AND LIES, wir wollen mal wieder ehrlich, naked, wired, offline sein & genießen.

Also hat sich Steve nicht mal ein halbes Jahr nach der TRILOGIE 2 – MEGASHOW 2016 quasi in der And One-Studiopause den lang gehegten Traum (oder die Forderungen von Gläubigern?) erfüllt und eine relaxed-quite-solo-Unplugged-und-doch-Plugged-Tour abgerissen.

War das so geplant?
Der eine oder andere erinnert sich noch an vage Pläne zu VIBRATOR als Erstling zur Trilogie II und die angekündigte Live-DVD für 2016, aber im And One-Kosmos ist immer Platz für 'ne Überraschung. Also hat mir meine Frau zu Weihnachten (vielleicht aus Mitleid für meinen oldschoolen Geschmack, vielleicht aber doch aus echter Nächstenliebe) Tickets für die Kölner KulturKirche geschenkt, den ein Jahr ohne AND ONE (im weitesten Sinne) ist, seien wir ehrlich nun mal kein richtig gutes Jahr und vermiest Grundstimmung, Laune und Allgemeinverträglichkeit.

Der altehrwürdige Bau mitten in Nippes wirkt im Abendlicht schön GOTHIC und einschüchternd so in seiner Trutzigkeit, ich liebe das Konzept schon bevor es losgeht, ich erinnere mich sofort wieder an ein Marc Almond-Set 2009 in der Kreuzberger Passionskirche, nur er und ein Piano, sehr intim, sehr authentisch, ich bin also gespannt, wie´n Flitzebogen.

Das (wie erwartet für eine Szene aufm Sterbelager) in Ehren ergraute Publikum aus eher Enddreißigern und Mitvierzigern mit wenig Jungvolk im Schlepptau fügt sich diszipliniert in die Kirchenbänke, trotz Umwidmung gibt es keine großen Zugeständnisse an Komfort und Ergonomie, diese Bänke sind schon der erste Weg zur heutigen Katharsis – sei's drum.

Und genau das ist der Punkt oder die große Frage des Abends: Soll es bei diesem bestuhlten Ding bleiben, darf hier wer rocken, macht er auf SISTER ACT, sollen wir uns zur NLMDA-La-Ola hinreißen lassen oder nicht?! Bis zum Ende wird das offen bleiben und ich glaube Steve wusste auch nicht so recht, was er da so eigentlich veranstalten wollte, er ist ja eigentlich die posende Rampensau die stundenlang herum turnt und weniger das Sit-In-meets-Crooning als Unterhaltungsprinzip pflegt.

Alles in allem wird es dann aber ein toller Abend!!!
Steve ist in Höchstform als Sänger (heute stimmlich besonders gut) und Entertainer (mit ungezügelter Plauderlaune, auch gern mal sehr intim aus dem Nähkästchen oder aus einer der unteren Schubladen heraus) das kann nach fast 30 Jahren Frontalangriff nicht jeder abbilden und von sich behaupten (und das zu einem moderaten Preis ;-)).

Und seien wir doch mal ehrlich, eigentlich hält er uns den ganzen Abend den Spiegel unserer eigenen Evolution in den Spätphasen der Adoleszenz vor. Mann! Wir haben das alles ja selbst mitgemacht, sind in göttlicher Verehrung mit DEPECHE MODE groß geworden (bis ALAN WILDER ging), haben uns (wenigstens) die Wochenenden als dark-schwarze Stiefelknechte in dunklen , von Wummerbeats (die Bassdrum war übrigens nicht gut ausgesteuert – Minuspunkt ans Mischpult, hat mich den ganzen Abend genervt, das hätte selbst eine taube Nuss gehört, das das beschissen klingt !!!) erfüllten Clubs rumgetrieben und auch nicht nur einmal beziehungstechnisch in die S….e gegriffen bis die ersten Falten und die Ankunft im Mainstream des Erwachsenen-Alltags kamen.

Nico (Wieditz) begleitet souverän seinen (die Rollenklischees im Band-Kontinuum werden an diesem Abend immer wieder bedient und von Steve kolportiert, insbesondere im zweiten Teil als Joke „The Shouter“ Jay auftaucht und es sich vorn im Publikum als Zuschauer bequem macht) „Chef“ an den Tasten und ist mitverantwortlich für das Highlight des Abend, als er sich mit Steve im Schlepptau auf die Empore schwingt und der echten Kirchenorgel ein ambitioniertes ENJOY THE SILENCE-Cover entlockt, das Steve von oben auf uns Unwürdige herabblickend stimmlich zum Besten gibt.

Zu den weiteren Höhepunkten des kuscheligen Abends zählen einerseits Perlen aus dem unerschöpflichen AND ONE-Kosmos seit 1989 mit z.B. EGO, FÜR, DEIN DUFT von der „Über-“I.S.T. (Sabine W. sei Dank 😉 !!!), SO KLINGT LIEBE (mit super Improvisation) und die Cover von WOLFSHEIM (mit ausschweifender vorangestellter Hommage an Herrn Heppner), DEPECHE MODE – THE THINGS YOU SAID und BLUMFELD (ein wirklich toll interpretiertes TAUSEND TRÄNEN TIEF von der OLD NOBODY, die auch zu meinen Favs aus der Zeit stammt, als die HAMBURGER SCHULE in aller Munde war – Ihr wisst schon, wie es mal hieß… „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk und werden es auch niemals sein…)

Fazit:
Kann man mal machen, wird dann aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ganz das Original, lässt Platz auch mal für das etwas „andere“ Sujet, den ruhigeren Ton und Fragezeichen (sicher nicht schlecht auch mal fürs eigene nachdenkliche Resümee), die sonst im routiniert abgespulten Party-Kontext (eines „richtigen“ And One-Konzertes) untergehen und überbrückt so auf alle Fälle auch die zerstreuungsarme Zeit bis zur hoffentlich nächsten Sause („…mit Sekt bis ihr verreckt…“)

Stefan Gottschalk

Als Finanzierungs- und Leasingspezialist sind Weiterentwicklungen für mich immer eine interessante Sache. Stillstand bedeutet Rückschritt. Nach diesem Motto lebe ich und habe mit dieser Maxime bereits einiges in meinem Leben erreicht. Technischer Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung und der schnelle Motorsport stehen im Mittelpunkt meiner Interessen. Aus Begeisterung für Neues aus Wirtschaft, Technik und Maschinen!

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