Kolumne: Zurück zur Faszination Rennstrecke?

Sicherlich gibt es schlimmere Jobs als den von Hermann Tilke, der seit mehr als 10 Jahren Rennstrecken auf dem ganzen Planeten konstruiert. Dennoch hat es der Aachener Konstrukteur nicht immer leicht: Stets hagelt es Kritik zu seinen Strecken – sie hätten keinen Charakter, gleichen riesigen Parkplätzen und seien einfach nur langweilig. Der Begriff „Bore-O-Drome“ (zu Deutsch: Langeweil-O-Drom) gehört in England zum Standardrepertoire der Streckenkritiken. In diversen Internetforen gibt es ganze Hass-Threads zur Tilke GmbH, die in den Augen vieler Motorsportfans die Faszination am schnellen Fahren ruinieren.

Dabei wissen die wenigsten über die strengen Auflagen, die die FIA vorgibt. Die Größe der Auslaufzonen ist noch eine der unspektakuläreren Vorgaben; die Sicherheitsoffiziellen mischen sich bis hin zur Asphaltbeschaffenheit, Maximalwerten für Steigungen und Gefälle und auch Kurvenüberhöhungen ein. Kurven wie Eau Rouge oder Corkscrew dürfen heute also gar nicht mehr gebaut werden. Tilke, selbst bekennender Nordschleifenfan, kann also bei weitem nicht so, wie er eigentlich wollte. Dafür lässt man ihn sich an den Bauten um die Strecke herum austoben, was zu gigantischen Arenen wie in Abu Dhabi führt.

Aber bei allem Glamour und dem bunten Rahmenprogramm geht es immer noch in erster Linie um Motorsport, und Motorsportfans begeistert man nicht mit pompösen Bauten, sondern nur mit herzerfrischenden Strecken. Und hier muss ganz klar festgehalten werden: Mission auch in Abu Dhabi gescheitert. Das Stakkato aus Vollgas, Bremsen bis in den ersten Gang, wieder Vollgas, Bremsen in den zweiten Gang, Vollgas durch einen unspektakulären Knick, Bremsen in den ersten Gang dürfte niemanden vom Hocker hauen. Doch auch in diesem Punkt hat wieder die FIA die Finger mit im Spiel: Da man bis heute trotz eigens eingesetzter Gruppen für einfacheres Überholen die Problematik der Dirty Air nicht in den Griff bekommen hat, sollen nun die Strecken überholfreundlich gestaltet werden. Sprich: Mindestens zwei Mal pro Runde müssen die Fahrzeuge aus dem siebten Gang heraus auf unter 100 km/h abbremsen, wenn möglich noch öfter. Mittelschnelle, fordernde Kurven sollten auf ein Minimum reduziert werden, damit der Hintermann von der verwirbelten Luft nicht zu sehr beeinträchtigt wird. Wen wundert es da noch, dass die modernen Strecken meist nur aus Vollgas und Bremsen bestehen?

Trotzdem gibt es auch einen Silberstreif am Horizont zu sehen: Die FIA lernt ebenfalls dazu und kann sich der immer lauter werdenden Kritik an den Tilke-Strecken nicht verschließen. Für die neue Strecke in Austin sollen deshalb Fahrer und Teams ein Mitspracherecht bekommen, um die Strecke interessant zu gestalten. Auch ist sih der Austin-Veranstalter sich durchaus bewusst, dass die Action auf der Strecke im Land einiger der strengsten Motorsportfans weltweit wichtiger ist als das Wohlergehen der VIPs. Und ebenfalls scheint man gelernt zu haben, dass wegen des Ziehharmonika-Effekts beim Beschleunigen aus engen Kurven heraus die Rennen auf Stakkato-Strecken wie Abu Dhabi oder dem Valencia Street Circuit Überholmanöver gar nicht gefördert werden. Die Fan-Umfragen der FOTA sind ebenfalls ein Indikator, dass man sich wieder mehr in Richtung Motorsport orientieren möchte, was sich auch auf die Strecken auswirken sollte.

Es bleibt also zu hoffen, dass die Streckenerbauer wieder etwas mehr von der Leine gelassen werden. Allerdings werden sicherlich keine Strecken wie der alte Österreichring gebaut. Das Rad der Zeit lässt sich halt nicht mehr dorthin zurück drehen, denn mit den heutigen Rennboliden würden die damals fordernden Kurven einfach nur noch Vollgas gefahren werden. Allerdings können wir auf Strecken hoffen, die vom Fahrer wieder mehr fordern als nur den Gas- und Bremsfuß. Es hat dem einen oder anderen Fan sicherlich etwas zu lange gedauert, aber auch Tilke und die FIA lernen dazu. Die Hoffnung ist also berechtigt, dass in Südkorea die letzte Stop & Go Strecke der Formel 1 gebaut wird.

Stefan Gottschalk

Als Finanzierungs- und Leasingspezialist sind Weiterentwicklungen für mich immer eine interessante Sache. Stillstand bedeutet Rückschritt. Nach diesem Motto lebe ich und habe mit dieser Maxime bereits einiges in meinem Leben erreicht. Technischer Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung und der schnelle Motorsport stehen im Mittelpunkt meiner Interessen. Aus Begeisterung für Neues aus Wirtschaft, Technik und Maschinen!

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