Kolumne: ADAC TCR Germany – Start mit großen Hoffnungen

Die TCR Germany startet als Teil einer globalen Tourenwagen-Offensive des ehemaligen WTCC-Chefs Marcello Lotti. Mit seiner Vision könnte er tatsächlich zu einer Gefahr für die WTCC werden, die er einst groß gemacht hat – weil diese sich von Lottis einstigen Idealen sukzessive verabschiedet hat. TCR heißt bester Tourenwagensport für Privatiers. Die Frage lautet nur: Wie lange?

Mit knapp 20 Fahrzeugen wird die ADAC TCR Germany gleich in ihrer ersten Saison ein volles Haus bieten. Für viele stellt dieser Erfolg keine Überraschung dar, schließlich wird zum ersten Mal seit Jahren wieder das alte Tourenwagenideal bemüht: Harter aber kostengünstiger Sport mit Fahrzeugen, die der Serie entstammen und die der Zuschauer sofort erkennt. Aerodynamische Hilfsmittel lassen die Autos spektakulär als Rennwagen wirken, ohne sie dabei aber unnötig zu verbasteln wie es etwa in der DTM der Fall ist. Und das alles gibt es für weniger als 100.000 Euro Kaufpreis – für ein TC1-Auto nach WTCC-Reglement ist locker der fünffache Betrag fällig.

Um zu verstehen, warum das TCR-Konzept äußerst vielversprechend ist, muss man über den Tellerrand hinausschauen. Lotti verfolgte bereits zu seinen WTCC-Zeiten das Ziel, ein Pyramidensystem aufzubauen. Weltweit sollten dieselben Fahrzeuge in nationalen Serien zum Einsatz kommen, wie sie auch in der obersten Liga gefahren werden konnten. Das funktionierte jahrelang in der WTCC – wer sein Fahrzeug in einer nationalen Meisterschaft an den Start gebracht hat, konnte theoretisch auch in der Weltmeisterschaft starten. Doch die WTCC entfernte sich spätestens 2014 von diesem Ideal, als sie die alleinige Meisterschaft für TC1-Tourenwagen wurde.

Nun hat sie ein Alleinstellungsmerkmal, aber kaum Teilnehmer, die genug Geld haben, um sich diese Exklusivität zu leisten.

Mit seinem neuen Konzept knüpft Lotti nun genau wieder dort an: Eine internationale Meisterschaft, untermauert von zahlreichen regionalen und nationalen Meisterschaften. Schon 2015 fuhren TCR-Boliden in Russland, Italien, Asien und Portugal, 2016 kommen zahlreiche Meisterschaften hinzu, die TCR Germany als eine der wichtigsten. Honda, Opel, Seat und Volkswagen werden zum ersten Rennen in der Startaufstellung stehen.

„Der sehr große Zuspruch an der ADAC TCR Germany hat unsere Erwartungen sicherlich mehr als erfüllt“, verkündet ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk stolz. Zusätzlich erhalten die TCR-Boliden eine eigene Klasse beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring. Breiter kann man sich nicht aufstellen.

Ohne Zweifel hat die TCR das Zeug dazu, die Nachfolge der erfolgreichen S2000- und STW-Tourenwagen anzutreten: Hersteller können ihre Fahrzeuge dank vieler verschiedener Meisterschaften unter einem einzigen globalen Regelwerk in großen Stückzahlen verkaufen. Das drückt wiederum die Preise für Einsatzteams. Damit wiederum wird eine Saison für mehr Fahrer erschwinglich, was wiederum einen größeren Bedarf an Fahrzeugen schafft.

Mit dem TCR-Konzept werden insbesondere Privatfahrer angelockt. Zu oft vergessen die Motorsportbehörden, dass diese es sind, die einem Tourenwagenreglement zum Erfolg verhelfen. Und so wird sich möglicherweise auch die TCR die Frage stellen müssen: Was tun, wenn plötzlich ein Hersteller einen Werkseinsatz vornehmen möchte?

Stefan Gottschalk

Als Finanzierungs- und Leasingspezialist sind Weiterentwicklungen für mich immer eine interessante Sache. Stillstand bedeutet Rückschritt. Nach diesem Motto lebe ich und habe mit dieser Maxime bereits einiges in meinem Leben erreicht. Technischer Fortschritt, die wirtschaftliche Entwicklung und der schnelle Motorsport stehen im Mittelpunkt meiner Interessen. Aus Begeisterung für Neues aus Wirtschaft, Technik und Maschinen!

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